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Warum Shearwater Computer keine OTUs anzeigen

06.08.2026 Jonas Martins 16 Min. Lesezeit
Warum Shearwater Computer keine OTUs anzeigen

Shearwater verzichtet bewusst auf die Anzeige von OTUs beziehungsweise UPTDs. Nicht, weil pulmonale Sauerstofftoxizität unbedeutend wäre, sondern weil das historische Rechenmodell nach Ansicht des Herstellers keine ausreichend zuverlässige Aussage über die tatsächliche Belastung der Lunge ermöglicht.

Kurz erklärt

OTUs sollen unterschiedliche Sauerstoffexpositionen in einer gemeinsamen pulmonalen Dosis zusammenfassen. Das zugrunde liegende Modell basiert jedoch wesentlich auf Veränderungen der Vitalkapazität, berücksichtigt Erholung nur unzureichend und kann individuelle Reaktionen sowie unterschiedliche Sauerstoffpartialdrücke nicht zuverlässig abbilden.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Shearwater ignoriert die Sauerstoffexposition nicht und zeigt weiterhin die CNS-Sauerstoffbelastung an.
  • Auf eine Anzeige von OTU beziehungsweise UPTD verzichtet der Hersteller bewusst.
  • OTU und UPTD sollen die pulmonale Sauerstoffbelastung als kumulative Dosis darstellen.
  • Das historische Modell wurde aus begrenzten Expositionsdaten der frühen 1970er-Jahre abgeleitet.
  • Als zentraler Messwert diente vor allem die Abnahme der Vitalkapazität.
  • Spätere Untersuchungen konnten viele Sauerstoffexpositionen nur unzureichend mit dem Modell vorhersagen.
  • Die gleiche berechnete Dosis muss bei unterschiedlichen Sauerstoffpartialdrücken nicht dieselbe biologische Wirkung erzeugen.
  • Das ursprüngliche Modell bildet Erholung zwischen Tauchgängen nicht realistisch ab.
  • OTUs können als Vergleichs- und Planungswert nützlich sein, sind jedoch keine direkte Messung einer Lungenschädigung.

Eine Zahl, die auf Shearwater-Computern fehlt

Technische Taucher überwachen während eines Tauchgangs zahlreiche Werte.

  • Sauerstoffpartialdruck,
  • CNS-Prozent,
  • Dekompressionsstatus,
  • Gaswechsel,
  • Gradient Factors,
  • Aufstiegsgeschwindigkeit.

Wer einen Shearwater-Tauchcomputer verwendet, findet jedoch keine Anzeige für die während des Tauchgangs angesammelten OTUs.

Das führt regelmäßig zu der Frage:

Warum zeigt ein technisch hochentwickelter Tauchcomputer keine pulmonale Sauerstoffdosis an?

Shearwater zeigt keine OTUs an, weil der Hersteller die Aussagekraft des zugrunde liegenden UPTD-Modells für unzureichend hält.

In einem von Shearwater veröffentlichten Beitrag erklärt die Sauerstofftoxizitätsforscherin Barbara Shykoff, warum UPTD-Berechnungen nach ihrer wissenschaftlichen Einschätzung nicht mehr als zuverlässiges Messinstrument für pulmonale Sauerstofftoxizität betrachtet werden sollten.

OTU, UPTD und CPTD: Was bedeuten die Begriffe?

OTU

Oxygen Toxicity Unit

Eine OTU entspricht definitionsgemäß der pulmonalen Sauerstoffbelastung durch eine Minute Atmung von Sauerstoff bei einem Sauerstoffpartialdruck von 1,0 ATA.

UPTD

Unit Pulmonary Toxicity Dose

Eine Recheneinheit, mit der unterschiedliche hyperoxische Expositionen auf eine Referenzexposition bei 1 ATA Sauerstoffpartialdruck umgerechnet werden.

CPTD

Cumulative Pulmonary Toxicity Dose

Die aufsummierte pulmonale Sauerstoffdosis mehrerer Abschnitte, Tauchgänge oder Expositionen.

Die Terminologie unterscheidet sich je nach Veröffentlichung, Ausbildungsorganisation und institutionellem Planungsmodell.

Im technischen Tauchen werden OTU und UPTD häufig als eng verwandte pulmonale Dosisgrößen behandelt.

Begriffliche Genauigkeit

Der Shearwater-Beitrag spricht ausdrücklich von UPTD-Berechnungen. Die darin formulierte Kritik betrifft jedoch grundsätzlich auch die praktische Nutzung eines kumulativen OTU-Zählers im Tauchcomputer.

Was soll eine OTU darstellen?

Ein technischer Tauchgang kann aus mehreren Sauerstoffexpositionen bestehen.

  • Grundzeit mit einem bestimmten Sauerstoffpartialdruck,
  • Aufstieg mit wechselnden Partialdrücken,
  • Dekompression auf Nitrox,
  • lange Sauerstoffatmung auf flachen Stopps,
  • mehrere Tauchgänge an aufeinanderfolgenden Tagen.

Das OTU-Modell weist jedem Abschnitt entsprechend Zeit und Sauerstoffpartialdruck einen Dosiswert zu.

Die einzelnen Werte werden anschließend addiert.

1

Sauerstoffpartialdruck bestimmen

Für jeden Abschnitt wird der tatsächlich geatmete Sauerstoffpartialdruck betrachtet.

2

Expositionsdauer erfassen

Die Dauer des jeweiligen Abschnitts fließt in die Dosisberechnung ein.

3

Teilwerte berechnen

Die Exposition wird auf eine definierte Referenzdosis umgerechnet.

4

Dosiswerte addieren

Aus allen Abschnitten entsteht ein kumulierter OTU- oder UPTD-Wert.

Mehr OTUs bedeuten eine höhere berechnete Sauerstoffexposition. Sie bedeuten jedoch nicht automatisch eine entsprechend messbare Lungenschädigung.

Als Buchhaltungssystem erscheint das zunächst nachvollziehbar.

Problematisch wird es, wenn aus der berechneten Zahl direkte biologische Aussagen abgeleitet werden.

  • Wie stark ist die Lunge tatsächlich belastet?
  • Wann treten Symptome auf?
  • Wie viel Belastung bleibt nach einer Oberflächenpause bestehen?
  • Welcher Wert ist für den einzelnen Taucher noch tolerierbar?

Genau diese Fragen kann das historische Modell nur begrenzt beantworten.

Wie das UPTD-Modell entstand

Das Modell geht auf Forschungsarbeiten der University of Pennsylvania aus den frühen 1970er-Jahren zurück.

Ziel war es, unterschiedliche Sauerstoffexpositionen in eine einheitliche Dosis umzuwandeln.

Als zentraler physiologischer Endpunkt wurde vor allem die Veränderung der Vitalkapazität verwendet.

Vitalkapazität

Die Vitalkapazität beschreibt das maximale Luftvolumen, das nach einer maximalen Einatmung wieder ausgeatmet werden kann.

Die historischen Daten stammten aus sehr unterschiedlichen Expositionen.

  • normobare und hyperbare Bedingungen,
  • unterschiedliche Sauerstoffkonzentrationen,
  • verschiedene Expositionszeiten,
  • Oberflächen- und Druckkammerexpositionen,
  • Sauerstoffpartialdrücke über einen vergleichsweise großen Bereich.

Aus diesen Daten wurde eine Rechenmethode abgeleitet, die jede Exposition in eine äquivalente Anzahl von Minuten bei einem Referenzpartialdruck von ungefähr 1 bar Sauerstoff umrechnete.

Für die damalige Forschung war dieser Ansatz ein bedeutender Fortschritt.

Er verwandelte viele unterschiedliche Expositionen in eine gemeinsame mathematische Größe.

Ein wissenschaftliches Modell muss jedoch nicht nur die Daten beschreiben, aus denen es entwickelt wurde. Es muss auch neue, unabhängige Expositionen zuverlässig vorhersagen können.

Warum Shearwater das Modell nicht verwendet

1. Das Modell passte nicht zuverlässig zu späteren Daten

Nach der Entwicklung des UPTD-Modells wurden weitere kontrollierte Sauerstoffexpositionen untersucht.

Dabei zeigte sich, dass die beobachteten Veränderungen der Lungenfunktion unter verschiedenen hohen Sauerstoffpartialdrücken teilweise deutlich von den Vorhersagen des historischen Modells abwichen.

Nach Shykoffs Zusammenfassung passte das Modell insbesondere zu bestimmten Datensätzen, die bereits in seine Entwicklung eingeflossen waren.

Bei späteren, unabhängigen Untersuchungen war die Übereinstimmung deutlich schlechter.

Wissenschaftliches Kernproblem

Ein Modell, das vor allem seine eigenen Ausgangsdaten gut beschreibt, aber neue Expositionen nur unzureichend vorhersagt, besitzt eine begrenzte allgemeine Aussagekraft.

2. Pulmonale Sauerstofftoxizität ist kein einheitlicher Vorgang

Das historische Dosiskonzept setzt voraus, dass unterschiedliche Sauerstoffexpositionen im Wesentlichen auf eine gemeinsame biologische Wirkung umgerechnet werden können.

Spätere Forschung deutet jedoch darauf hin, dass sich die zugrunde liegenden pulmonalen Prozesse bei verschiedenen Sauerstoffpartialdrücken unterscheiden können.

Ort der Schädigung

Unterschiedliche Expositionen können verschiedene Bereiche von Atemwegen und Lungengewebe betreffen.

Zelluläre Prozesse

Oxidativer Stress, Zellschädigung und Reparaturprozesse können abhängig von Partialdruck und Dauer unterschiedlich verlaufen.

Entzündungsreaktion

Art und Stärke der entzündlichen Antwort müssen nicht bei jeder Exposition identisch sein.

Zeitlicher Verlauf

Beginn, Entwicklung und Erholung können je nach Expositionsprofil unterschiedlich ausfallen.

Ähnliche Symptome bedeuten nicht automatisch, dass dieselben biologischen Prozesse ablaufen oder dass sie durch dieselbe Dosisformel beschrieben werden können.

3. Zeit und Sauerstoffpartialdruck sind nicht beliebig austauschbar

Eine zentrale Annahme des Dosismodells lautet:

Eine längere Exposition bei einem niedrigeren Sauerstoffpartialdruck könne dieselbe Wirkung erzeugen wie eine kürzere Exposition bei einem höheren Partialdruck, sofern beide denselben berechneten Dosiswert ergeben.

Die späteren Daten stützen diese Austauschbarkeit jedoch nicht über den gesamten relevanten Bereich.

Niedrigerer pO₂

Längere Exposition

Die biologische Wirkung kann sich vergleichsweise langsam entwickeln.

Höherer pO₂

Kürzere Exposition

Die zeitliche Entwicklung kann stärker als linear verlaufen und andere Reaktionen auslösen.

Die gleiche OTU-Zahl muss nicht dieselbe biologische Wirkung darstellen, wenn sie unter unterschiedlichen Sauerstoffpartialdrücken entstanden ist.

4. Die Vitalkapazität zeigt nur einen Teil des Problems

Das ursprüngliche UPTD-Modell konzentrierte sich wesentlich auf die Abnahme der Vitalkapazität.

Die Vitalkapazität ist objektiv messbar, erfasst jedoch nicht jede Form einer beginnenden pulmonalen Sauerstofftoxizität.

Frühere oder empfindlichere Hinweise können sein:

  • Brennen oder Reizung hinter dem Brustbein,
  • Husten,
  • Schmerzen bei tiefer Einatmung,
  • Engegefühl im Brustkorb,
  • Veränderungen anderer Lungenfunktionswerte,
  • reduzierte Diffusionsfähigkeit,
  • Atemwegsreizungen.

Begrenzter Messendpunkt

Eine deutliche Veränderung der Vitalkapazität kann erst messbar werden, wenn bereits Schwellungen oder Flüssigkeitseinlagerungen im Lungengewebe vorhanden sind. Andere Symptome und Funktionsveränderungen können früher auftreten.

Ein niedriger OTU-Wert beweist nicht, dass keine physiologische Wirkung vorhanden ist.

5. Menschen reagieren unterschiedlich

Ein Modellwert beschreibt normalerweise eine erwartete oder durchschnittliche Reaktion.

Der einzelne Taucher kann davon deutlich abweichen.

Shearwater verweist unter anderem auf Untersuchungen zur US Navy Treatment Table 6.

Diese Exposition entspricht nach dem historischen Modell ungefähr 633 UPTDs.

Erwartet wurde lediglich eine relativ geringe mittlere Abnahme der Vitalkapazität.

In kontrollierten Untersuchungen zeigten einzelne gesunde Versuchspersonen jedoch deutlich stärkere und mehrere Tage anhaltende Veränderungen.

Durchschnittswert

Ein Mittel- oder Medianwert beschreibt nicht die empfindlichsten Personen.

Individuelle Empfindlichkeit

Derselbe berechnete Wert kann bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Wirkungen haben.

Keine direkte Messung

Die Zahl zeigt nicht den aktuellen biologischen Zustand der Lunge.

Begrenzte Vorhersage

Ein OTU-Wert kann die individuelle Reaktion nicht zuverlässig prognostizieren.

6. Das Modell bildet Erholung nicht ausreichend ab

Für eine einzelne Sauerstoffexposition ist eine kumulative Dosis vergleichsweise einfach zu berechnen.

Schwieriger wird es bei:

  • mehreren Tauchgängen,
  • Oberflächenpausen,
  • wiederholten CCR-Tauchgängen,
  • Sauerstoffpausen,
  • mehrtägigen Tauchserien,
  • zusätzlichen Druckkammerbehandlungen.

Der Körper sammelt nicht ausschließlich Belastung an.

Bereits während und nach der Exposition beginnen Reparatur- und Erholungsprozesse.

1

Hyperoxische Belastung

Sauerstoff kann oxidativen Stress und pulmonale Veränderungen verursachen.

2

Exposition endet

Der Sauerstoffpartialdruck wird reduziert.

3

Erholung beginnt

Reparatur- und Regenerationsprozesse setzen ein.

4

Nächste Exposition

Der Ausgangszustand hängt davon ab, wie weit die Erholung fortgeschritten ist.

Einfaches Addieren reicht nicht

Das ursprüngliche UPTD-Modell kann zwar Dosen addieren, beschreibt aber nicht zuverlässig, welcher Anteil nach einer Pause biologisch noch wirksam ist.

Ein einfacher Zähler kann deshalb in beide Richtungen irreführen.

  • Er kann die Belastung überschätzen, wenn bereits relevante Erholung stattgefunden hat.
  • Er kann die Belastung unterschätzen, wenn die Erholung langsamer verläuft als angenommen.

Warum Shearwater trotzdem den CNS-Wert anzeigt

Der Verzicht auf OTUs bedeutet nicht, dass Shearwater Sauerstofftoxizität grundsätzlich nicht modelliert.

Shearwater-Tauchcomputer zeigen weiterhin die CNS-Sauerstoffbelastung an.

Diese Anzeige basiert auf festgelegten Expositionszeiten bei verschiedenen Sauerstoffpartialdrücken.

Die jeweilige Expositionsdauer wird als prozentualer Anteil einer definierten maximalen Zeit aufsummiert.

CNS

Zentralnervöse Sauerstofftoxizität

Kann akut auftreten und unter Wasser zu Krampfanfällen, Bewusstseinsverlust und Ertrinken führen.

Pulmonal

Sauerstofftoxizität der Lunge

Entwickelt sich meist über längere oder wiederholte Expositionen und betrifft Atemwege sowie Lungengewebe.

Merkmal CNS-Sauerstofftoxizität Pulmonale Sauerstofftoxizität
Zeitlicher Verlauf Kann akut auftreten Meist längere oder wiederholte Exposition
Betroffene Struktur Zentrales Nervensystem Atemwege und Lungengewebe
Mögliche Folgen Krampfanfall, Bewusstlosigkeit Husten, Reizung, Schmerzen, Funktionsverlust
Anzeige bei Shearwater CNS-Prozent Keine OTU-/UPTD-Anzeige

Auch CNS ist ein Modell

Die CNS-Anzeige ist ebenfalls keine direkte Messung des Gehirns und keine Garantie gegen einen Sauerstoffkrampf. Sie dient als operatives Werkzeug zur Risikosteuerung.

Die Anzeige eines Wertes erzeugt Vertrauen

Ein Tauchcomputer stellt Zahlen präzise dar.

Diese rechnerische Präzision kann leicht mit biologischer Genauigkeit verwechselt werden.

OTU: 286

Eine solche Anzeige wirkt eindeutig.

Sie sagt jedoch nicht direkt:

  • ob bereits Symptome vorhanden sind,
  • ob sich die Lungenfunktion verändert hat,
  • wie empfindlich der einzelne Taucher reagiert,
  • wie stark frühere Expositionen noch nachwirken,
  • wie schnell sich die Lunge erholt,
  • unter welchen Sauerstoffpartialdrücken die Dosis entstanden ist.

Ein schlecht validierter Wert wird nicht dadurch besser, dass ein Computer ihn exakt berechnet.

Shearwaters Entscheidung lässt sich deshalb als bewusster Verzicht auf falsche Präzision verstehen.

Sind OTUs damit vollständig wertlos?

Nein.

Das wäre ebenfalls zu pauschal.

OTU- und UPTD-Werte können weiterhin als grobes Buchhaltungssystem dienen.

Profilvergleich

Ähnliche Tauchprofile können hinsichtlich ihrer berechneten Exposition verglichen werden.

Planungssysteme

Organisationen können definierte betriebliche Grenzwerte verwenden.

Dokumentation

Lange und wiederholte Sauerstoffexpositionen können standardisiert protokolliert werden.

Spezielle Einsatzprofile

Militärische, berufliche und wissenschaftliche Verfahren können OTU oder UPTD weiterhin nutzen.

Die NOAA definiert die OTU weiterhin als operative Einheit.

Auch militärische und berufliche Planungsdokumente verwenden teilweise UPTD oder kumulative pulmonale Dosiswerte.

Ein Wert kann innerhalb eines klar definierten Planungssystems nützlich sein, ohne ein zuverlässiger universeller Biomarker zu sein.

Die korrekte Einordnung lautet:

OTUs können Expositionen vergleichbar machen. Sie messen jedoch weder die tatsächliche Lungenschädigung noch das individuelle Risiko präzise.

Warum zeigt Shearwater nicht einfach ein besseres Modell an?

Die Forschung zur pulmonalen Sauerstofftoxizität wurde nach Entwicklung der UPTD nicht beendet.

Residual Oxygen Time Model

Barbara Shykoff veröffentlichte 2015 ein Modell für wiederholte Expositionen bei Sauerstoffpartialdrücken um 1,3 bar.

Das Residual Oxygen Time Model bezog Daten aus einer großen Anzahl experimenteller Tauchgänge ein.

Es versuchte, sowohl das Auftreten nachweisbarer pulmonaler Effekte als auch die Erholung zwischen Expositionen zu beschreiben.

Begrenzter Gültigkeitsbereich

Das Modell wurde bewusst für einen relativ engen Sauerstoffpartialdruckbereich und bestimmte Expositionsbedingungen entwickelt.

ESOT-Recovery-Modell

Ein neuerer Ansatz ist das ESOT-Recovery-Modell.

Es soll Belastung und Erholung bei kontinuierlichen und unterbrochenen Sauerstoffexpositionen differenzierter abbilden.

Die Autoren schlugen konkrete Expositionsgrenzen für bestimmte oberflächenorientierte berufliche Tauchprofile vor.

Neuere Modelle zeigen, dass Erholung berücksichtigt werden muss und dass unterschiedliche Expositionsmuster möglicherweise unterschiedliche Modellansätze benötigen.

Bislang existiert kein eindeutig überlegener, universell akzeptierter Wert, der für alle Kombinationen aus:

  • Sauerstoffpartialdruck,
  • Expositionsdauer,
  • Immersion,
  • körperlicher Arbeit,
  • Wiederholungstauchgängen,
  • individueller Empfindlichkeit

gleichermaßen zuverlässig funktioniert.

Was das Fehlen der OTU-Anzeige nicht bedeutet

„Pulmonale Sauerstofftoxizität ist unwichtig.“

Falsch. Shearwater kritisiert die Aussagekraft des Rechenmodells und nicht die Existenz pulmonaler Sauerstofftoxizität.

„Ohne OTU-Anzeige kann unbegrenzt Sauerstoff geatmet werden.“

Falsch. Der fehlende Zähler verändert die physiologische Wirkung einer hyperoxischen Exposition nicht.

„CNS und pulmonale Sauerstofftoxizität sind dasselbe.“

Falsch. Beide betreffen unterschiedliche Organsysteme und besitzen unterschiedliche zeitliche Verläufe.

„Jede OTU-basierte Planung ist falsch.“

Zu pauschal. OTUs können als konservative betriebliche Planungs- oder Vergleichsgröße verwendet werden.

Wann pulmonale Sauerstofftoxizität besonders relevant wird

Bei vielen Sporttauchgängen und kürzeren technischen Tauchgängen ist die pulmonale Sauerstofftoxizität nicht der unmittelbar begrenzende Faktor.

Die akutere Gefahr kann in solchen Fällen die zentralnervöse Sauerstofftoxizität sein.

Mit zunehmender Dauer und Wiederholungszahl verändert sich jedoch die Gewichtung.

Lange CCR-Grundzeiten

Ein konstanter Setpoint kann über viele Stunden eine relevante Sauerstoffexposition erzeugen.

Ausgedehnte Dekompression

Lange Stopps mit hohen Sauerstoffanteilen erhöhen die kumulative pulmonale Belastung.

Wiederholungstauchgänge

Mehrere lange Tauchgänge können die Erholung zwischen den Expositionen begrenzen.

Mehrtagesserien

Expeditionen und intensive Trainingswochen erzeugen komplexe Belastungs- und Erholungsmuster.

Druckkammerexposition

Therapeutische oder berufliche Sauerstoffexpositionen können zusätzlich zu Tauchgängen auftreten.

Hohe Arbeitsbelastung

Immersion, körperliche Arbeit und Atemarbeit können die physiologische Reaktion beeinflussen.

Was bedeutet das für technische Taucher?

Die fehlende OTU-Anzeige entbindet den Taucher nicht von einer sorgfältigen Planung der pulmonalen Sauerstoffexposition.

Sinnvoll ist eine mehrdimensionale Betrachtung.

pO₂

Sauerstoffpartialdruck

Wie hoch ist der tatsächlich geatmete Sauerstoffpartialdruck?

Zeit

Expositionsdauer

Wie lange wird der jeweilige erhöhte Sauerstoffpartialdruck geatmet?

Serie

Wiederholungsexposition

Handelt es sich um einen einzelnen Tauchgang oder eine mehrtägige Serie?

Pause

Erholung

Wie lang sind Oberflächenpausen und Regenerationszeiten?

Körper

Symptome

Treten Husten, Brennen, Engegefühl oder Schmerzen bei tiefer Einatmung auf?

Kontext

Arbeitsbelastung

Welche Rolle spielen Immersion, körperliche Arbeit, Atemarbeit und weitere Belastungen?

Symptome ernst nehmen

Reizhusten, retrosternales Brennen, Schmerzen bei tiefer Einatmung, Engegefühl oder eine ungewöhnlich reduzierte Belastbarkeit sollten nach langen Sauerstoffexpositionen nicht allein anhand eines berechneten Dosiswertes beurteilt werden.

Häufige Irrtümer

„Shearwater zeigt keine OTUs, weil pulmonale Sauerstofftoxizität nicht relevant ist.“

Falsch. Kritisiert wird die Aussagekraft des UPTD-Modells, nicht die Existenz der pulmonalen Sauerstofftoxizität.

„CNS-Prozent und OTU messen dasselbe.“

Falsch. CNS-Prozent beschreibt ein Modell für das akute zentralnervöse Risiko. OTU und UPTD sollen eine längerfristige pulmonale Exposition beschreiben.

„300 OTUs bedeuten bei jedem Taucher dieselbe Lungenschädigung.“

Falsch. Die Zahl beschreibt eine berechnete Exposition, nicht die individuell gemessene Schädigung.

„Ohne OTU-Anzeige muss ich die pulmonale Belastung nicht beachten.“

Falsch. Lange und wiederholte hyperoxische Expositionen müssen weiterhin geplant und bewertet werden.

„OTUs wurden wissenschaftlich vollständig abgeschafft.“

Falsch. Sie werden weiterhin in bestimmten institutionellen und operationellen Planungssystemen verwendet.

„Ein niedriger OTU-Wert beweist, dass meine Lunge nicht belastet ist.“

Falsch. Symptome und andere Funktionsveränderungen können durch das historische Modell unzureichend erfasst werden.

„OTUs können beliebig über mehrere Tage addiert werden.“

Rechnerisch ja, biologisch problematisch. Erholung findet statt und wird im historischen Modell nur unzureichend berücksichtigt.

Häufig gestellte Fragen

Warum zeigt Shearwater keine OTUs an?

Shearwater hält das historische UPTD-Modell nicht für ausreichend zuverlässig, um die tatsächliche pulmonale Sauerstoffbelastung eines Tauchers sinnvoll darzustellen.

Zeigt Shearwater überhaupt Sauerstoffbelastung an?

Ja. Die Computer zeigen unter anderem den CNS-Sauerstoffwert als prozentuale Ausschöpfung eines zentralnervösen Expositionsmodells an.

Ist CNS-Prozent eine direkte Messung des Gehirns?

Nein. Auch der CNS-Wert ist ein mathematisches Modell und keine direkte Messung neuronaler Sauerstofftoxizität.

Was entspricht einer OTU?

Eine OTU entspricht definitionsgemäß ungefähr einer Minute Sauerstoffatmung bei einem Sauerstoffpartialdruck von 1 ATA.

Warum reicht die Vitalkapazität nicht als Messwert aus?

Weil Symptome, Atemwegsreizungen und andere Funktionsveränderungen früher oder unabhängig von einer deutlichen Abnahme der Vitalkapazität auftreten können.

Kann ich OTUs weiterhin in meiner Planungssoftware verwenden?

Ja. Sie sollten jedoch als grober Vergleichs- und Expositionswert und nicht als individuelle Sicherheitsgarantie verstanden werden.

Welche Symptome können auf pulmonale Sauerstofftoxizität hinweisen?

Mögliche Anzeichen sind Husten, Brennen oder Schmerzen hinter dem Brustbein, Engegefühl, Schmerzen bei tiefer Einatmung und eine reduzierte körperliche Belastbarkeit.

Warum entwickelt Shearwater keinen eigenen Grenzwert?

Ein universeller Grenzwert würde ein ausreichend validiertes Modell für sehr unterschiedliche Sauerstoffpartialdrücke, Tauchzeiten, Wiederholungsprofile und individuelle Reaktionen voraussetzen.

Ist der CNS-Wert wissenschaftlich perfekt?

Nein. Er ist ebenfalls ein Modell zur Risikosteuerung und kann einen Sauerstoffkrampf nicht zuverlässig vorhersagen oder ausschließen.

Wissenschaftlich eingeordnet

Gesichert

  • Hohe und lang andauernde Sauerstoffpartialdrücke können pulmonale Sauerstofftoxizität verursachen.
  • OTU und UPTD sind berechnete Expositionsgrößen und keine direkten biologischen Messungen.
  • Das ursprüngliche Modell basiert wesentlich auf Veränderungen der Vitalkapazität.
  • Spätere Daten wurden durch das Modell nicht durchgehend zuverlässig vorhergesagt.
  • Erholung zwischen Expositionen ist biologisch relevant.
  • Die individuelle Reaktion kann erheblich variieren.

Weiterhin Gegenstand der Forschung

  • Welcher Marker eine beginnende pulmonale Sauerstofftoxizität am zuverlässigsten erkennt.
  • Wie Erholung nach unterschiedlichen Sauerstoffpartialdrücken exakt verläuft.
  • Wie Immersion, körperliche Arbeit und Wiederholungstauchgänge gemeinsam modelliert werden sollten.
  • Welches Modell sich für einen universellen Einsatz in Tauchcomputern eignen könnte.

Nicht wissenschaftlich korrekt

  • Eine OTU-Zahl als direkt gemessenen Zustand der Lunge darzustellen.
  • Einen bestimmten Wert als universelle Grenze für jeden Taucher und jedes Profil zu behandeln.
  • Aus dem Fehlen einer OTU-Anzeige zu schließen, dass pulmonale Sauerstofftoxizität ignoriert werden kann.

Fazit

Shearwater zeigt keine OTUs an, weil eine exakt berechnete Zahl nicht automatisch eine präzise physiologische Aussage liefert.

Das historische UPTD-Modell war ein wichtiger Versuch, unterschiedliche Sauerstoffexpositionen miteinander vergleichbar zu machen.

Seine Schwächen wurden mit zunehmender wissenschaftlicher Datenlage jedoch deutlich.

  • begrenzter Messendpunkt,
  • unzureichende Übertragbarkeit auf unterschiedliche Sauerstoffpartialdrücke,
  • begrenzte Korrelation mit Symptomen,
  • große individuelle Unterschiede,
  • fehlende realistische Erholungsberechnung.

Shearwater ignoriert Sauerstofftoxizität deshalb nicht.

Der Hersteller zeigt weiterhin die CNS-Exposition an, verzichtet aber auf einen pulmonalen Wert, der nach seiner wissenschaftlichen Bewertung eine irreführende Genauigkeit vermitteln könnte.

OTUs sind eine historische Rechengröße für Sauerstoffexposition – keine direkte Messung der Lungenschädigung und keine Garantie für individuelle Sicherheit.

Kernaussage der Forschung

Shearwater verzichtet auf die Anzeige von OTUs beziehungsweise UPTDs, weil das historische Modell die komplexe Entstehung pulmonaler Sauerstofftoxizität nur unzureichend abbildet. Der Wert basiert wesentlich auf Veränderungen der Vitalkapazität, lässt sich nicht zuverlässig auf alle Sauerstoffpartialdrücke übertragen und berücksichtigt Erholung sowie individuelle Unterschiede nur begrenzt. OTUs können Expositionen vergleichbar machen, messen aber nicht den tatsächlichen Zustand der Lunge.

Quellen

Shykoff BE.
Warum UPTD-Berechnungen nicht verwendet werden sollten.
Shearwater Research, 2017.
Originalartikel bei Shearwater öffnen

Shearwater Research.
Shearwater and the CNS Oxygen Clock.
Artikel bei Shearwater öffnen

NOAA.
NOAA Diving Standards & Safety Manual.
Definition und operative Verwendung der Oxygen Toxicity Unit.

Shykoff BE.
Residual oxygen time model for oxygen partial pressure near 130 kPa.
Undersea and Hyperbaric Medicine, 2015.

Risberg J, van Ooij PJAM, Mátity L.
Recovery from pulmonary oxygen toxicity: a new ESOT model.
Undersea and Hyperbaric Medicine, 2024.

Naval Sea Systems Command.
SRS Decompression Plan, Revision 1.
Anwendung pulmonaler Sauerstoffdosen in einem speziellen operationellen Planungsmodell.

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